Warnung vor dem Anstieg von Suiziden im Iran

Suiziden

Suizide sind im Iran zu einer ernsthaften Sorge im Bereich der psychischen Gesundheit und der sozialen Schäden geworden. Offizielle und inoffizielle Berichte der vergangenen Jahre weisen auf einen Anstieg der Fälle von Suiziden und Suizidversuchen im Iran hin.  Verantwortliche im Bereich der Sozialfürsorge haben diese Entwicklung als „zunehmend und besorgniserregend“ beschrieben.

Unter den politischen und sicherheitspolitischen Bedingungen der Islamischen Republik sind viele gesellschaftliche Themen für Forschende und Medien nicht frei zugänglich. Auch im Zusammenhang mit Suiziden wurden unterschiedliche Zahlen von offiziellen und wissenschaftlichen Einrichtungen veröffentlicht, die nicht unbedingt miteinander übereinstimmen.

Daher stellt das, was wir heute über die Situation von Suiziden im Iran wissen, sehr wahrscheinlich nur einen Teil der tatsächlichen Realität dar.

Nach einer Auswertung der Daten des iranischen Statistikzentrums ist die Zahl der registrierten Suizidfälle von etwa 3.500 Fällen im Jahr 2011/12 auf mehr als 6.000 Fälle im Jahr 2023/24 gestiegen. Das Open Data Center Iran bezifferte diesen Anstieg innerhalb eines Jahrzehnts auf etwa 70 Prozent.

Der stellvertretende Vorsitzende der Wissenschaftlichen Gesellschaft zur Suizidprävention im Iran erklärte im August/September 2025, dass die Zahl der Suizidversuche im Land zunimmt und das etwa 82 Prozent der Suizide Menschen unter 50 Jahren betrifft.

Daher können die vorhandenen Hinweise und Statistiken trotz der Einschränkungen bei der Datenerfassung nicht ignoriert werden.

Selbstverbrennung in der Stadt Hamadan

In diesen Tagen wurde ein neuer Fall von Selbstverletzung in Hamadan bekannt.

Am 6. September 2026 setzte sich ein etwa 26-jähriger Mann auf dem Imam-Platz in Hamadan selbst in Brand.

Nach veröffentlichten Berichten aus dem Iran wurde der Versuch durch das Eintreffen von Rettungs- und Sicherheitskräften beendet. Die Person wurde zur medizinischen Behandlung in ein Krankenhaus gebracht. Der Staatsanwalt von Hamadan bestätigte den Vorfall und erklärte, dass der junge Mann bereits psychische und seelische Probleme gehabt habe und zur weiteren Behandlung in einem Krankenhaus aufgenommen worden sei.

Auch in diesem Fall können über die Ursache des Handelns nicht mehr Aussagen getroffen werden, als die vorliegenden Informationen zulassen. Gerade dies zeigt, wie wichtig die Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit und der Zugang zu fachlicher Hilfe und sozialer Unterstützung für Menschen in Krisensituationen sind.

Doch dies ist nicht der einzige Fall, der in den vergangenen Tagen die Aufmerksamkeit auf die psychische Situation in der iranischen Gesellschaft gelenkt hat.

Familien der Opfer der Massaker vom 8. und 9. Januar – schmerzhafte Beispiele

In den vergangenen Monaten wurden Berichte über Suizide oder Suizidversuche unter Familienangehörigen und nahestehenden Personen der Opfer der Massaker vom 8. und 9. Januar veröffentlicht.

Diese Fälle können nicht allein als Beweis für eine bestimmte Ursache der Suizide interpretiert werden. Ihr zeitliches Zusammentreffen innerhalb weniger Monate zeigt jedoch – angesichts der schweren Trauer, mit der die Familien der Verstorbenen nach dem Verlust ihrer Kinder leben –, wie dringend eine ernsthafte Auseinandersetzung mit ihrer psychischen Gesundheit notwendig ist.

Danial Karimi, Vater von Amir-Mohammad Karimi

Im jüngsten Fall nahm sich Danial Karimi, der Vater von Amir-Mohammad Karimi, einem der Opfer des Massakers vom 9. Januar, am 6. September 2026 das Leben. Die Nachricht wurde am 7. September 2026 veröffentlicht.

Amir-Mohammad Karimi war ein 19-jähriger Sportler und ehemaliges Mitglied der iranischen Jugend-Nationalmannschaft im Taekwondo. Er wurde am 9. Januar 2026 während der Proteste in Marvdasht durch einen Schuss getötet und im Dorf Joonjan im Verwaltungsbezirk Marvdasht beigesetzt.

Aida Heydari, Verlobte von Abolfazl Soleimani-Alamouti

In einem weiteren Fall wurde über Aida Heydari, die Verlobte von Abolfazl Soleimani-Alamouti, einem weiteren der Opfer des brutalen Vorgehens der Sicherheitskräfte am 8. und 9. Januar, berichtet.

Abolfazl Soleimani-Alamouti, ein 27-jähriger junger Mann, wurde am 9. Januar 2026 während der landesweiten Proteste gegen das herschende Regime im Gebiet Zibashahr in Qazvin durch Schüsse von Angehörigen der Islamischen Republik getötet.

Aida Heydari nahm sich etwa acht Monate nach dem Tod ihres Verlobten das Leben. Auf einem zu dieser Nachricht veröffentlichten Bild wird außerdem angegeben, dass die Hochzeit des Paares noch im selben Monat hätte stattfinden sollen.

Tahereh Jangju, Mutter von Raha Behlouli-Pour

Tahereh Jangju ist die Mutter von Raha Behlouli-Pour, einem der Opfer des Massakers vom 8. und 9. Januar. Raha Behlouli-Pour, eine 23-jährige Studentin der Universität Teheran, wurde im Januar 2026 in Teheran getötet.

Im Juli/August 2026 wurde berichtet, dass sie nach dem Tod ihrer Tochter unter einer schweren Depression und einem sehr schlechten psychischen Zustand litt und mindestens einmal einen Suizidversuch unternommen hatte, den sie jedoch überlebte. Veröffentlichte Berichte weisen auf einen erheblichen psychischen Druck auf die Familie von Raha Behlouli-Pour hin.

Die Mutter von Saman Ebrahimpour

Ein weiterer Fall betrifft die Mutter von Saman Ebrahimpour, einem weiteren Opfer der Demonstrationswelle im Zuge der Löwe-und-Sonne-Revolution vom 8. und 9. Januar. Saman Ebrahimpour gehörte zu den Opfern der Proteste im Januar 2026 in Rasht.

Berichten zufolge, die im Juli 2026 veröffentlicht wurden, nahm sich Samans Mutter nach etwa sechs Monaten der Trauer um ihren Sohn das Leben.

Dieser Fall erinnert – ungeachtet möglicher Abweichungen in einzelnen Details – daran, dass die Folgen eines Verlustes nicht auf die Eltern der Verstorbenen beschränkt bleiben. Sie können auch die engsten Menschen in deren Leben tiefgreifend beeinflussen.

Trauer und psychische Gesundheit

Der Verlust eines Kindes, eines Ehepartners oder eines Lebenspartners gehört zu den schwersten menschlichen Erfahrungen. Trauer kann lange andauern.

Für die Familien der Opferkommt in vielen Fällen ein weiteres Problem hinzu: das Fehlen einer wirksamen Möglichkeit, Gerechtigkeit einzufordern, und das ihre Fragen und Forderungen unbeantwortet bleiben.

Eine Familie, die einen geliebten Menschen verloren hat, hat das Recht zu erfahren, was mit ihm geschehen ist, wer für seinen Tod verantwortlich war und warum sie keine klare Antwort auf diesen Tod erhält.

In einigen Fällen sahen sich die Familien der Opfernicht nur mit dem Ausbleiben klarer Antworten über den Tod ihrer Liebsten konfrontiert, sondern auch mit Respektlosigkeit und Beleidigungen, bis hin zu Drohungen und massivem Druck auf ihrem Weg, Gerechtigkeit einzufordern.

Anstatt das Leid dieser Familien anzuhören und ihnen mit Respekt und Empathie zu begegnen, wurden die Familien nach dem Verlust ihrer Angehörigen teilweise selbst zur Zielscheibe repressiver Maßnahmen des Regimes.

Unter solchen Umständen kann eine trauernde Familie das Gefühl entwickeln, nicht nur einen geliebten Menschen verloren zu haben, sondern dass auch ihr Recht auf Fragen, Protest und die Forderung nach Gerechtigkeit ignoriert wird.

Die Betonung dieses Zusammenhangs bedeutet nicht, dass Suizide unmittelbar auf das Ausbleiben von Gerechtigkeit zurückgeführt werden können. Suizid ist ein komplexes und multifaktorielles Phänomen. Ohne fachliche Untersuchung und ausreichende Beweise lässt sich seine Ursache nicht eindeutig bestimmen.

Dennoch wird die Kombination von langanhaltender Trauer, dem Gefühl von Ungerechtigkeit, Ohnmacht, ausbleibender Aufklärung und Gerechtigkeit, gesellschaftlichem und sicherheitspolitischem Druck, wirtschaftlichen Problemen sowie fehlender ausreichender Unterstützung einen nicht unerheblichen Anteil daran haben.

Wenn jemand einen geliebten Menschen verliert und gleichzeitig das Gefühl hat, dass seine Stimme nicht gehört wird und es keinen Weg gibt, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erreichen, kann sein Leid tiefer und länger anhaltend werden.

Die Organisation „Iranische Liberale Frauen“ hat weitere Fälle unabhängig dokumentiert, die aus Gründen der Vertraulichkeit und zum Schutz personenbezogener Daten der Betroffenen nicht öffentlich gemacht werden können.

Nach Informationen, die von Familien einiger dieser Menschen erhalten wurden, gehörte unter anderem die Hoffnungslosigkeit nach der Tötung von Angehörigen während der Nationalen Revolution unter dem Banner mit Löwe und Sonne zu den Faktoren, die zur Erklärung ihrer Situation genannt wurden.

Auch wenn Einzelheiten dieser Fälle nicht öffentlich gemacht werden können, zeigen sie zusammen mit den veröffentlichten Berichten über Familien und Angehörige der Massaker vom 8. und 9. Januar, wie dringend eine stärkere Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit von Menschen erforderlich ist, die mit Verlust, Trauer und vielfältigen Belastungen konfrontiert sind.

Die Notwendigkeit größerer Aufmerksamkeit für die psychische Gesundheit

Aus der Perspektive der psychischen Gesundheit sind Prävention und Unterstützung in einer solchen Situation von größter Bedeutung.

Menschen, die mit schwerer Trauer, Depression, Angst oder einem Gefühl der Hilflosigkeit konfrontiert sind, sollten ohne Angst vor Verurteilung oder gesellschaftlicher Stigmatisierung Zugang zu professioneller Hilfe erhalten können.

Dies ist für die Familien der Opfer der grausamen Massentötungen von besonderer Bedeutung.

Väter und Mütter, die ihr Kind verloren haben, sowie Angehörige, die den wichtigsten Menschen in ihrem Leben verloren haben, dürfen mit einem solchen Ausmaß an Leid nicht allein gelassen werden.

Neben Trauer und Verlust darf auch die direkte und indirekte Wirkung der weit verbreiteten Gewalt, die die iranische Gesellschaft erlebt hat, nicht außer Acht gelassen werden.Die Tötung von Demonstrierenden auf den Straßen sowie das Miterleben von Szenen des Todes und der Gewalt während dieser beiden Tagen und den darauf folgenden Wochen und Monaten haben eine erhebliche psychische Belastung für die Gesellschaft, insbesondere für die Hinterbliebenen und die Zeuginnen und Zeugen dieser Ereignisse, verursacht.

Diese psychische Belastung beschränkt sich nicht allein auf die Familien der Getöteten. In veröffentlichten Berichten und Dokumentationen werden zahlreiche Fälle vonAngriffen auf medizinische Einrichtungen, die Tötung verletzter Demonstrierender während ihrer Behandlung oder Operation sowie Berichte über sogenannte „Gnadenschüsse“ auf Verwundete angeführt.

Auch das Krankenhauspersonal und die medizinischen Fachkräfte, die während dieser Ereignisse ihrer beruflichen und humanitären Pflicht nachgekommen sind, um Verletzte zu retten und zu behandeln, waren massivem staatlichem und sicherheitsbehördlichem Druck ausgesetzt. In vielen Fällen sind sie lebende Zeuginnen und Zeugen von Ereignissen, die sie selbst gesehen und erlebt haben, ohne jedoch die Möglichkeit zu haben, frei darüber zu sprechen, was ihnen selbst und ihren Patientinnen und Patienten widerfahren ist.

Das Erleben solcher Szenen kann insbesondere bei Menschen, die Zeuginnen und Zeugen von Todesfällen, schweren Verletzungen oder Gewalt gegen schutzlose Menschen geworden sind, tiefe und langanhaltende psychische Folgen hinterlassen. Diese können sich unter anderem in Form von Angstzuständen, Depressionen, Schlafstörungen, sozialem Rückzug, Schuldgefühlen, komplizierter Trauer und weiteren psychischen Belastungen äußern.

Die jüngsten Berichte über Familien und Angehörige der Getöteten sowie weitere Fälle, die aus verschiedenen Teilen des Iran bekannt werden, sollten für uns alle ein Warnsignal sein.

Dieses Problem beschränkt sich nicht auf bloße Statistiken. Es ist ein Zeichen für eine weitreichende Krise der psychischen Gesundheit in der Gesellschaft und für die dringende Notwendigkeit, sich dieser Krise stärker als bisher zu widmen.

Die Beratungs- und Gesundheitsarbeitsgruppe der Organisation „Iranische Liberale Frauen“ warnt angesichts der vorliegenden Berichte über den Anstieg von Suiziden und Suizidversuchen im Iran vor der Fortsetzung dieser Entwicklung und ihren Folgen für die psychische Gesundheit der Gesellschaft.

Sie betont zugleich die Notwendigkeit eines breiteren Zugangs zu psychosozialen und psychologischen Gesundheitsangeboten, der Unterstützung von Menschen in Krisensituationen sowie der besonderen Aufmerksamkeit für trauernde und betroffene Familien.

Angesichts der wirtschaftlichen Situation im Iran und des begrenzten Zugangs zu kostenlosen Angeboten zur Unterstützung der psychischen Gesundheit beabsichtigt die Arbeitsgruppe, durch die Erstellung von Bildungsinhalten in persischer Sprache einen – wenn auch kleinen – Beitrag zur Verbesserung des öffentlichen Bewusstseins und zur Vermittlung psychologischer Erster Hilfe in Krisensituationen zu leisten.

Darüber hinaus lädt die Organisation „Iranische Liberale Frauen“ Psychologinnen, Psychologen und Fachkräfte aus dem Bereich der psychischen Gesundheit dazu ein, in Zusammenarbeit mit dieser Arbeitsgruppe bei der Bereitstellung fachlicher Unterstützung und entsprechender Angebote in akuten und krisenhaften Situationen mitzuwirken.

Dayana Esmaeil Abadi
AG Beratung und Gesundheit

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