Ein Brief, den kein Kind schreiben sollte

Am Montag, dem 13. Juli, verbreitete sich das Bild eines handgeschriebenen Briefes, der angeblich von einem iranischen Schüler aus dem Süden des Landes stammt. Der Text wirkt wie ein Abschiedsbrief und vermittelt die Angst und Unsicherheit, die viele Kinder im Krieg erleben.

In dem Brief heißt es:

„Es lebe die Freiheit. Sollte mir morgen oder an irgendeinem anderen Tag während meiner Abschlussprüfung in einem Stadtteil von Bandar Abbas, der sich neben einer militärischen Einrichtung befindet, etwas zustoßen, dann trägt nicht Amerika oder irgendein anderes Land die Verantwortung für meinen Tod, sondern die Islamische Republik. Für die Abschlussprüfungen werden wir gezwungen, uns neben einer militärischen Einrichtung aufzuhalten. Ich bitte meine Familie, im Falle eines Unglücks nicht auf die Suche nach Gerechtigkeit zu verzichten.“

Unabhängig davon, ob dieser Brief letztlich authentisch ist oder nicht, deuten verschiedene Berichte darauf hin, dass Abschlussprüfungen in einigen Schulen im Süden Irans in unmittelbarer Nähe militärischer Einrichtungen abgehalten wurden. Dies hat bei Kindern, Jugendlichen und ihren Familien Angst und ein tiefes Gefühl der Unsicherheit ausgelöst.

Kein Kind sollte eine Prüfung mit der Sorge antreten müssen, dass seine Schule allein wegen ihrer Nähe zu einem militärischen Ziel selbst zum Gefahrenort werden könnte.

Es geht nicht nur um eine Schule

Es handelt sich nicht nur um eine einzelne Schule oder eine einzelne Stadt.

Ein weiteres Beispiel ist die Shajareh-Tayyebeh-Schule in Minab. Berichten zufolge befand sich die Schule in unmittelbarer Nähe eines Militärgeländes und wurde am ersten Tag des Krieges getroffen. Obwohl die Kämpfe bereits Stunden zuvor begonnen hatten, gibt es Berichte, wonach keine wirksamen Maßnahmen ergriffen wurden, um die Schülerinnen und Schüler rechtzeitig in Sicherheit zu bringen.

Berichte weisen außerdem darauf hin, dass sich in vielen Teilen Irans – insbesondere im Süden des Landes, einer Region von großer geopolitischer Bedeutung aufgrund der Straße von Hormus und des Persischen Golfs – Schulen, Krankenhäuser und Wohngebiete in der Nähe militärischer Einrichtungen befinden. In einigen Fällen sollen Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sogar innerhalb militärischer Areale oder auf deren Gelände errichtet worden sein.

Gleichzeitig sind Tausende Wehrpflichtige weiterhin verpflichtet, in ihren Kasernen zu bleiben. Viele von ihnen dürfen ihren Dienstort nicht verlassen; eine unerlaubte Entfernung vom Dienst kann unter Kriegsbedingungen mit sehr schweren Strafen geahndet werden.

Ein Kind, das zur Schule geht, ein Patient im Krankenhaus oder ein Wehrpflichtiger, der seine Kaserne nicht verlassen darf – keiner von ihnen entscheidet frei darüber, wo er sich befindet. Dennoch können sie alle Gefahren ausgesetzt sein, die sie selbst nicht verursacht haben.

Der Schutz der Zivilbevölkerung ist eine Verpflichtung

Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet alle Konfliktparteien, die Zivilbevölkerung so weit wie möglich zu schützen, sie von militärischen Zielen fernzuhalten und alle praktisch möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um Risiken für ihr Leben und ihre Sicherheit zu verringern.

Die veröffentlichten Berichte über Schulen, Krankenhäuser und Wohngebiete in unmittelbarer Nähe militärischer Einrichtungen – oder in einigen Fällen sogar innerhalb militärischer Areale – werfen jedoch ernsthafte Fragen darüber auf, ob diese Verpflichtungen ausreichend eingehalten wurden.

Offen bleiben unter anderem folgende Fragen:

Warum sind Wehrpflichtige weiterhin verpflichtet, in ihren Kasernen zu bleiben?

Warum haben internationale Menschenrechtsorganisationen und Organisationen zum Schutz der Kinderrechte auf diese Berichte bislang nicht entschiedener reagiert?

Und warum gibt es keine unabhängige und transparente Untersuchung darüber, wie die Islamische Republik ihrer Verpflichtung zum Schutz der Zivilbevölkerung nachgekommen ist?

Der Schutz der Zivilbevölkerung – insbesondere von Kindern – ist keine politische Entscheidung, sondern eine verbindliche Verpflichtung des humanitären Völkerrechts.

Jeder Vorwurf, dass diese Verpflichtungen verletzt oder Zivilpersonen unnötigen Gefahren ausgesetzt wurden, sollte unabhängig, transparent und unparteiisch untersucht werden. Nur durch eine solche Aufarbeitung können Verantwortlichkeit, Rechtsstaatlichkeit und ein wirksamer Schutz der Zivilbevölkerung gestärkt werden.

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