Die Protestbewegung im Jahr 2022 begann mit der staatlichen Tötung von Mahsa Amini im Zusammenhang mit dem Thema des verpflichtenden Hijabs. Mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ als zentraler Parole dieses Aufstands konzentrierten sich die Forderungen vor allem auf die Rechte der Frauen und die Abschaffung der Diskriminierung gegen die Hälfte der iranischen Bevölkerung. Diese Diskriminierungen wurden nach der Revolution von 1979 und mit der Errichtung der Islamischen Republik strukturell sowie gesetzlich gegen Frauen verankert.
Die Islamisten begannen unmittelbar nach der Machtübernahme mit der Abschaffung des Familiengesetzes. Dieses Gesetz war im kaiserlichen Iran zunächst 1967 verabschiedet und 1974 umfassend reformiert sowie gestärkt worden. Ziel war es, bestimmte traditionelle Vorrechte der Männer innerhalb der Familie einzuschränken und Frauen mehr Rechte in Fragen von Ehe, Scheidung und Sorgerecht einzuräumen. Die Anhebung des Mindestalters für die Eheschließung von Mädchen, Maßnahmen gegen die Vielehe von Männern, erleichterte Bedingungen für das Sorgerecht von Müttern sowie die Einrichtung von Familiengerichten gehörten zu den wichtigsten Bestimmungen dieses fortschrittlichen Gesetzes.
Während der revolutionären Bewegung im Januar 2026 wurden jedoch deutlich umfassendere Forderungen seitens der Demonstrierenden sichtbar. Die iranische Gesellschaft hatte erkannt, dass innerhalb der Strukturen, Gesetze und Regierungsweise der Islamischen Republik keine Reformen möglich sind. Dieses Mal gingen die Menschen mit systemkritischen Parolen und der Präsentation einer politischen Alternative auf die Straße. Bereits in den ersten Tagen des Monats Januar wurde der Basar – das zentrale wirtschaftliche Herz Irans – zum Ausgangspunkt dieser nationalen Bewegung und verwandelte die Gesellschaft in einen brodelnden Kessel.
Mit der Ausbreitung immer stärkerer Protestwellen in Städten und Dörfern des ganzen Landes sowie durch das Rufen des Namens von Kronprinz Reza Pahlavi und Slogans wie „Es lebe der Schah“ oder „Dies ist nicht der letzte Kampf – die Pahlavis werden zurückkehren“ entstand erstmals in der 47-jährigen Geschichte der Islamischen Republik eine landesweite Bewegung, die nicht nur den Sturz des Regimes forderte, sondern auch bereits eine politische Alternative gefunden hatte. Anders als frühere Protestbewegungen – wie die Studentenbewegung der 1990er-Jahre, die Grüne Bewegung nach den Wahlen von 2009 oder selbst die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ von 2022 – zielte die Eroberung der Straßen diesmal nicht auf Reformen oder begrenzte Forderungen innerhalb des islamischen Systems ab, sondern auf die Rückerlangung der staatlichen Souveränität und die Rückkehr zum wertvollen historischen Erbe der Iraner: zur konstitutionellen Monarchie und zur nationalen Souveränität.
Auch in der nationalen „Löwe-und-Sonne“-Revolution standen – wie bereits 2022 – Frauen und Männer Seite an Seite auf den Straßen und riefen mutig ihre Forderungen aus. Die iranischen Frauen gelangten ebenso wie andere gesellschaftliche Gruppen zu der historischen Erkenntnis, dass ihre Forderungen innerhalb eines rückwärtsgewandten und dogmatischen Systems nicht verwirklicht werden können. Freiheit und Gleichberechtigung im Rahmen eines Rechtsstaates sind nur im Kontext eines nationalen und entwicklungsorientierten Staates erreichbar – eines Rahmens, der im Iran bereits vor der Revolution von 1979 entstanden war und den Weg für die gesellschaftliche und geschlechtliche Entwicklung in diesem Land geebnet hatte.
Zorvan Parsi