Manche Daten stehen nicht nur im Kalender – sie prägen sich für immer in das kollektive Gedächtnis eines Volkes ein. Zahlen helfen uns, das Ausmaß einer Tragödie besser zu begreifen und sie mit anderen historischen Ereignissen zu vergleichen. Doch wir dürfen niemals vergessen, dass hinter jeder Zahl ein Mensch steht – ein Mensch mit Träumen, einer Familie, Freunden und einer Zukunft, die ihm genommen wurde.
Vor sechs Monaten, am 8. und 9. Januar, wurde der Iran Zeuge eines der blutigsten Verbrechen seiner jüngeren Geschichte. Nach den landesweiten Protesten und nachdem der Name von Kronprinz Reza Pahlavi in den Straßen des Iran immer lauter gerufen wurde, rief er die Menschen erstmals seit 47 Jahren dazu auf, am 8. und 9. Januar jeweils um 20 Uhr von ihren Häusern und auf den Straßen ihre Stimmen zu erheben. Die Antwort der Islamischen Republik auf diesen Ruf aus der Bevölkerung war die Abschaltung des Internets und der Beginn eines groß angelegten Massakers. Menschen, die lediglich für Freiheit auf die Straße gegangen waren, wurden brutal massakiert. Insgesamt wurden mehr als 40.000 unbewaffnete Menschen allein wegen ihres Protests auf den Straßen ihres eigenen Landes durch die Diktatur der Islamischen Republik auf grausame Weise massakriert.
Auch Dresden trägt eine tiefe Wunde im historischen Gedächtnis Deutschlands. Zehntausende Menschen verloren bei der Bombardierung der Stadt ihr Leben, weil die nationalsozialistische Diktatur Deutschland in einen verheerenden Krieg geführt hatte – einen Krieg, der nicht nur Millionen Menschen in anderen Ländern das Leben kostete, sondern am Ende auch Deutschland und seine eigene Bevölkerung zu Opfern der nationalsozialistischen Ideologie machte.
Zwischen diesen beiden historischen Ereignissen bestehen trotz aller Unterschiede in Zeit, Ort und Umständen grundlegende Gemeinsamkeiten. Ideologische Diktaturen – unabhängig von ihrem Namen oder ihren Parolen – kennen keine Grenzen mehr, sobald sie ihre eigene Existenz bedroht sehen. In solchen Systemen können Menschenleben, das eigene Land, die Kultur und die Zukunft eines Volkes dem Machterhalt geopfert werden.
Vielleicht ist es genau deshalb, dass sich die Geschichte Irans und Deutschlands heute an einem Punkt begegnet. Beide Völker haben die Erfahrung gemacht, unter einer Herrschaft zu leben, die den Menschen nicht als eigenständigen Wert betrachtet, sondern als Mittel zum Erhalt ihrer eigenen Macht.
Geschichte dient jedoch nicht nur dazu, Leid in Erinnerung zu rufen. Sie erinnert uns auch an unsere Verantwortung – die Verantwortung, das Andenken an jene lebendig zu halten, die ihr Leben für die Freiheit gegeben haben, und alles dafür zu tun, dass sich solche Verbrechen niemals wiederholen.
Für uns Iraner sind seit jenen Tagen sechs Monate vergangen. Doch diese Zahlen werden für uns niemals bloße Statistiken sein. Hinter jeder einzelnen Zahl stehen ein Name, ein Gesicht, eine Familie und unzählige unerfüllten Träumen.
Sie erinnern uns an unser Versprechen, den Weg zur Freiheit bis zu seinem Ziel weiterzugehen.
Auch für das deutsche Volk erinnert diese Geschichte an den unschätzbaren Wert von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – Errungenschaften, die nach einer schmerzhaften und kostspieligen Erfahrung erkämpft wurden und die mit Wachsamkeit und Verantwortung für kommende Generationen bewahrt werden müssen.
Auch wir Iraner werden den Weg der 40.000 Unsterblichen des 8. und 9. Januar bis zum Tag der Befreiung Irans weitergehen. Denn Freiheit ist kein Geschenk von Regierungen, sondern das Vermächtnis jener, die ihr Leben für sie gegeben haben. Dieses Vermächtnis zu bewahren, ist die Verantwortung derjenigen, die überlebt haben.
Ihr Weg wird weitergehen, und ihre Namen werden für immer in der Geschichte fortleben.