Warum „Javid Shah” für viele Iraner von Bedeutung ist

Javid Shah

Von ideologischer Sabotage zu rechtsstaatlicher Ordnung: Warum „Javid Shah” für viele Iraner von Bedeutung ist

von: Abdolreza Ahmadi

 

Die jüngste Störung des Stromnetzes in Berlin, die laut Berichten auf Aktionen linksradikaler Gruppen mit antikapitalistischer Begründung zurückging, ist für die iranische Gesellschaft weit mehr als eine ausländische Nachricht. Für viele Iraner erinnert dieses Ereignis an eine historische Erfahrung, deren Folgen bis heute andauern: das Abgleiten politischen Protests von institutioneller Reform hin zu Infrastruktursabotage und zur Legitimierung ideologischer Gewalt.

 

Die iranische Erfahrung: Ideologische Konvergenz, blutige Divergenz.

Während der Revolution von 1979 traten drei zentrale Akteure – radikale Linke, die Organisation der Volksmojahedin und der politische Klerus – trotz tiefgreifender ideologischer Unterschiede in entscheidenden Punkten gemeinsam auf: die Ablehnung des Kapitalismus und der liberalen Ordnung sowie die Akzeptanz von Gewalt als legitimes politisches Mittel.

 

Diese Konvergenz blieb nicht theoretisch. Alle drei Strömungen griffen vor und nach der Revolution zu umfangreichen bewaffneten Aktionen. Nach dem Sturz des vorherigen Systems eskalierte der Machtkampf zu bewaffneten inneren Auseinandersetzungen. Am Ende setzte sich eine Strömung – der politische Klerus – durch und eliminierte die anderen gewaltsam. Das Resultat war die Etablierung eines autoritären Systems mit einer ideologischen Ausrichtung, das sowohl politische Freiheiten als auch die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes nachhaltig beschädigte.

 

Vor diesem Hintergrund werden linksradikale Kräfte, die Volksmojahedin und politische Islamisten im kollektiven Gedächtnis vieler Iraner nicht als unterschiedliche Alternativen, sondern als Bestandteile eines gescheiterten Zyklus wahrgenommen: eines Zyklus, der mit Gerechtigkeitsversprechen begann und in Repression, struktureller Verarmung und chronischer Instabilität endete.

 

Vergleichende Perspektive: Iran und Osteuropa

Diese Skepsis speist sich nicht allein aus der iranischen Erfahrung. Die Geschichte Osteuropas unter kommunistischer Herrschaft dient vielen Iranern als wichtiger Referenzpunkt. Gesellschaften, die jahrzehntelang unter antimarktwirtschaftlichen und ideologischen Ordnungen gelebt haben, betonen heute besonders Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und demokratische Institutionen – nicht aus theoretischer Vorliebe, sondern aufgrund der Erfahrung des Freiheitsverlusts.

 

Romantisierende antikapitalistische Narrative, insbesondere wenn sie mit Infrastrukturschäden oder der Rechtfertigung von Gewalt einhergehen, erinnern die Iraner:innen an einen Weg, der bereits beschritten wurde – und dessen Scheitern erwiesen ist.

 

„Javid Shah“ als Gegenentwurf zur Ideologie der Gewalt

Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Slogan „Javid Shah” in den iranischen Protesten zunehmend zu hören ist. In der heute dominanten Lesart steht er weder für eine Rückkehr zur absoluten Monarchie noch für die Ablehnung der Republik als demokratisches Prinzip. Vielmehr markiert er den Gegenpol zu den ideologischen Projekten des 20. Jahrhunderts, die Politik mit Marktablehnung und Gewaltlegitimation verknüpften.

 

Im zeitgenössischen Verständnis vieler Demonstrierender symbolisiert „Schah” einen neutralen, nicht-ideologischen und überparteilichen Nationalstaat – einen Staat, dessen Legitimität aus Verfassung, Wählerwillen und institutioneller Kontinuität erwächst, nicht aus Revolution oder Ideologie. „Javid“ verweist dabei auf die Dauerhaftigkeit von Institutionen, nicht auf die Unantastbarkeit von Personen.

 

Mit anderen Worten: Der Slogan verdichtet eine moderne Forderung nach

  • einem gewaltfreien Übergang,
  • der Abkehr von ideologischen Revolutionen,
  • und dem Aufbau einer vorhersehbaren, rechtsstaatlichen und stabilen Ordnung.

 

Politische Implikationen für Europa

Für europäische Entscheidungsträger ist die Schlussfolgerung klar: Ein erheblicher Teil der iranischen Gesellschaft hat sich nach vier Jahrzehnten Erfahrung bewusst von antikapitalistischen, antiinstitutionellen und gewaltzentrierten Diskursen abgewandt. Heute wird kein neuer Radikalismus gefordert, sondern das Ende eines historisch gescheiterten Zyklus.

 

Diese diskursive Verschiebung zu ignorieren oder sie mit linksradikalen bzw. revolutionären Narrativen gleichzusetzen, birgt das Risiko strategischer Fehlinterpretationen. Umgekehrt kann das Verständnis dieses Wandels zu einer Politik beitragen, die einen stabilen Übergang, die Reduzierung von Gewalt und die Vermeidung eines kostspieligen Zusammenbruchs unterstützt – Ziele, die zugleich mit den sicherheits- und außenpolitischen Interessen Europas im Einklang stehen.

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