Politicide im Iran

Politicide im Iran

von: Elahe Ramandi

Was derzeit auf den Straßen Irans geschieht, ist kein gewöhnlicher Protest. Millionen Menschen treten mit klarer politischer Identifikation auf: Sie rufen nach Reza Pahlavi, fordern die Rückkehr der Pahlavis und skandieren Parolen wie „Javid Schah“. In diesen Rufen manifestiert sich die Macht des Grundes – eine politische Kraft, die nicht nur reagiert oder reformiert, sondern eine Ordnung historisch und symbolisch begründet. Reza Pahlavi ist die einzige Figur, die die gesamte Islamische Republik in Frage stellt; daher verkörpert er diese Gründungskraft, die das Regime existenziell bedroht.

Die Antwort des islamischen Regimes ist nicht bloß repressiv, nicht bloß ein Versuch der Kontrolle, sondern eine systematische, gezielte physische Vernichtung. Die staatlichen Sicherheitskräfte setzen tödliche Gewalt ein: Schüsse auf Kopf und Augen, militärische Bewaffnung gegen unbewaffnete Menschen, gezielte Tötungen auf den Straßen und selbst innerhalb von Krankenhäusern und Gefängnissen. Verletzungen an Kopf und Augen, schwere Schusswunden und Tausende Tote sind keine zufälligen „Kollateralschäden“, sondern Ausdruck einer Politik, die politische Träger vernichten will, weil sie eine politische Identität repräsentieren. Diese Gewalt geht weit über das hinaus, was man unter „normaler Protestbekämpfung“ versteht – sie ist ein gezielter Versuch, Menschen aufgrund ihrer politischen Überzeugung physisch aus der Gesellschaft zu eliminieren.

Damit wird klar: Dies ist nicht bloß Gewalt; dies ist Politicide. Der Staat versucht aktiv, Menschen zu eliminieren, weil sie eine politische Richtung verkörpern, die das fundamentale Regimeprojekt infrage stellt.

Doch die Vernichtung endet nicht mit den Kugeln. Es gibt eine zweite Dimension der Politicide, die ebenso real ist: das Schweigen im Westen. Während im Iran Menschen für ihre politische Identifikation physisch ermordet werden, erfahren sie im Westen eine diskursive Auslöschung: Ihre Stimmen werden marginalisiert, ihre Toten ignoriert, ihre Opfer nicht anerkannt – weil ihre politische Haltung dort nicht in das vorherrschende Meinungsspektrum passt. Dieses Schweigen ist keine Nachlässigkeit, sondern eine politische Praxis, die die Opfer auch im Diskurs vernichtet.

So verbinden sich im Fall Iran zwei Dimensionen der Politicide:

  • physisch, durch gezielte staatliche Gewalt gegen politisch Identifizierte
  • diskursiv, durch ein Schweigen im Westen, das verhindert, dass diese Gewalt als das benannt wird, was sie ist – als Vernichtung einer politischen Richtung und ihrer Träger

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