Über den Moment, in dem sich die iranische Gesellschaft wiedererkannte
Der Slogan „Ein Volk, eine Flagge, ein Ruf“ entstand, lange bevor er auf den Straßen zu hören war, in einer tieferen Schicht kollektiver Erfahrung – an jenem Punkt, an dem die iranische Gesellschaft nach Jahren der Erschöpfung, der politischen Lähmung und aufgestauter Niederlagen zu der Erkenntnis gelangte, dass es nicht mehr nur um Protest ging, sondern um das Fehlen einer gemeinsamen Sprache zur Definition des eigenen Selbst. Was sich im Januar 2026 zeigte, war das Zeichen einer grundlegenden Verschiebung auf der Ebene kollektiver Identität: die Abkehr von auferlegten politischen Formeln und die Rückkehr zur Fähigkeit, sich selbst zu benennen.
Über Jahrzehnte hinweg wurde die iranische Gesellschaft entlang binärer Kategorien beschrieben, die angeblich Wandel ermöglichen sollten: Reform versus Hardliner, möglich versus unmöglich, innerhalb oder außerhalb des Systems. Diese Einteilungen führten weder im Inland noch in der Diaspora zu nachhaltigen Veränderungen, sondern entwickelten sich zu Mechanismen permanenter Vertagung. In diesem Prozess gewann der Reformdiskurs eine strukturelle Funktion: Er diente der Kanalisierung von Unzufriedenheit, dem Zeitgewinn für die Macht und der Fragmentierung einer Gesellschaft, die sich immer wieder der Schwelle zur kollektiven Einheit näherte.
Im Zuge dessen wurden nationale Identität und historische Symbole systematisch an den Rand gedrängt. Flagge, Geschichte und selbst der Name des Königs galten als konfliktbeladen – und gerade deshalb als potenzielle Quellen kollektiver Kohäsion –, weshalb sie entweder verdrängt oder trivialisiert wurden. Ziel war weniger die Verteidigung einer bestimmten Staatsform als vielmehr die Verhinderung jenes Moments, in dem sich die Gesellschaft als Ganzes hätte begreifen können. Die bewusste Trennung von Menschen und historischer Erinnerung war Teil dieser Strategie.
Was dabei verloren ging, war vor allem die Möglichkeit, vereinzelte Individuen zu einem „Volk“ zu verbinden. Eine Gesellschaft, der gemeinsame Symbole fehlen, bleibt auf der Ebene des individuellen Protests verhaftet und ist kaum in der Lage, dauerhafte kollektive Handlungsmacht zu entwickeln.

Doch kollektives Gedächtnis lässt sich nicht vollständig steuern oder auslöschen. Eine Zivilisation mit jahrtausendealter Geschichte, die wiederholt Zusammenbrüche, Besatzung und Auslöschung erlebt hat, hat Strategien des Überlebens jenseits der Tagespolitik verinnerlicht. In kulturwissenschaftlichen Lesarten sind Mythen keine bloßen Erzählungen, sondern unbewusste Verdichtungen historischer Erfahrung. Der Phönix steht in diesem Sinne nicht für naive Hoffnung, sondern für das wiederkehrende Narrativ des vollständigen Verbrennens und der Möglichkeit von Erneuerung nach der Zerstörung. Die Rückkehr nationaler Symbole ist vor diesem Hintergrund zu verstehen: als Aktivierung eines Gedächtnisses, das der Gesellschaft erneut Kontinuität ermöglicht.
In diesem Kontext erhielten die Flagge mit Löwe und Sonne sowie die symbolische Präsenz des Königs in den Slogans eine zutiefst psychologische Bedeutung. Diese Zeichen versprachen kein konkretes politisches System, sondern boten einen Rahmen zur Überwindung von Angst. Unter dieser Flagge trat der einzelne Protestierende aus der Isolation heraus und erkannte sich als Teil einer gemeinsamen Erzählung wieder. Mut und Entschlossenheit entstanden nicht aus der Gewissheit des Sieges, sondern aus dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einem historischen Ganzen. Menschen, die jahrelang vereinzelt Widerstand geleistet hatten, begannen sich als Teil eines Volkes zu begreifen – eines Volkes mit Geschichte, Namen und Symbolen.
Genau diese kollektive Selbstverortung provozierte die offene Gewalt des Staates. Berichte internationaler Menschenrechtsorganisationen zeigen, dass staatliche Gewalt im Iran längst über situative Reaktionen hinausgegangen ist und strukturelle Züge angenommen hat. Für ein System, dessen Fortbestand auf Spaltung und gesellschaftlicher Erschöpfung beruht, stellt der Moment, in dem sich eine Gesellschaft als Einheit definiert, eine existentielle Bedrohung dar. Die Tötung von Zivilisten ist in diesem Zusammenhang zu verstehen: als Reaktion auf einen Augenblick, in dem die Gesellschaft jenseits auferlegter Narrative ihre gemeinsame Sprache wiederfand.
Der Slogan „Ein Volk, eine Flagge, ein Ruf“ verspricht keine unmittelbare Befreiung. Er zeigt jedoch, dass die iranische Gesellschaft weiterhin fähig ist, sich selbst zu definieren, sich zu benennen und Fragmentierung zu überwinden. In der Geschichte von Gesellschaften, die auf Vergessen aufgebaut sind, war diese Fähigkeit des Erinnerns stets die gefährlichste Möglichkeit.