Wie Iraner zu Opfern des Antisemitismus wurden

Wie Iraner zu Opfern des Antisemitismus wurden

Wenn von Antisemitismus die Rede ist, richtet sich der Blick meist auf Juden oder auf den Staat Israel. Doch Antisemitismus, insbesondere dann, wenn er als staatliche und systematische Ideologie wirkt, hat weit mehr Opfer. Er richtet sich nicht nur gegen eine bestimmte Gruppe, sondern zerstört langfristig jede Gesellschaft, in deren politisches und institutionelles Gefüge er eingebettet wird. Aus dieser Perspektive gehören die Menschen im Iran zu den wichtigsten, zugleich aber am wenigsten wahrgenommenen Opfern des politischen Antisemitismus.

Die Islamische Republik Iran ist von Beginn an eng mit antisemitischem Denken verbunden. Antisemitismus wurde nicht nur zu einem politischen Instrument, sondern zu einem zentralen Bestandteil ihrer ideologischen Identität. Eine Analyse der Reden und Schriften Ajatollah Chomeinis vor und nach der Revolution von 1979 zeigt, dass die Feindschaft gegenüber Israel sowie die Darstellung von Juden als korrupt, machtgierig und antiislamisch von Anfang an im Zentrum des revolutionären Diskurses standen. Dieser Diskurs wurde später im Rechts-, Bildungs- und Mediensystem institutionell verankert und zur offiziellen Staatspolitik erhoben.

Ein erheblicher Teil der Akteure, die bei der Revolution von 1979 eine zentrale Rolle spielten, waren nicht einfach politische Aktivisten oder gewöhnliche Bürger, sondern Mitglieder bewaffneter Gruppen. Viele von ihnen hatten bereits vor der Revolution militärische Ausbildung in Lagern der Palästinensischen Befreiungsorganisation im Libanon und anderen Regionen erhalten. Diese Ausbildung war nicht nur militärisch-technisch, sondern stark ideologisch geprägt. Der Kampf gegen Israel wurde als Kern des revolutionären Projekts vermittelt. Diese Netzwerke spielten eine entscheidende Rolle bei der Übertragung antisemitischer und antiisraelischer Ideologien in den politischen Raum Irans.

Aus dieser Perspektive war die Revolution von 1979 nicht nur ein innerpolitischer Machtwechsel, sondern der Beginn eines Staates, der die Reproduktion und Verbreitung antisemitischer Ideologie zur offiziellen Politik machte. Über mehr als vier Jahrzehnte hinweg hat die Islamische Republik diese Ideologie durch massive Investitionen in Medien, das Bildungssystem, pseudoakademische Literatur, scheinbar kulturelle Institutionen und durch Einflussnahme an Universitäten systematisch weitergetragen. Ziel war es, die Feindschaft gegenüber Israel und Juden als eine moralische, revolutionäre und identitätsstiftende Pflicht darzustellen.

In diesem Zusammenhang wird die Palästina-Frage nicht primär aus der Perspektive des Schutzes von Menschenleben oder menschlicher Sicherheit betrachtet, sondern als Instrument zur Förderung eines globalen antisemitischen Projekts genutzt. Die Belege dafür sind eindeutig. Dieselben Akteure, die lautstark über Gaza sprechen, schweigen zu Massakern an Zivilisten im Sudan oder zur Unterdrückung und systematischen Verfolgung der uigurischen Muslime in China. Diese selektive Empörung zeigt, dass es nicht um Menschenrechte, Moral oder islamische Solidarität geht, sondern darum, Israel als ideologischen Feind aufrechtzuerhalten.

In diesem Zusammenhang nimmt die Islamische Republik eine Sonderrolle ein. Laut offiziellen Dokumenten und wiederholten Aussagen ihrer Führung ist Iran der einzige Mitgliedstaat der Vereinten Nationen, der die Vernichtung Israels offen und offiziell als politisches Ziel erklärt hat. Diese extreme Position hat dem Regime paradoxerweise Sympathie oder ideologische Nachsicht bei bestimmten radikalen antiisraelischen Strömungen verschafft, insbesondere in Europa, selbst dann, wenn massive Menschenrechtsverletzungen im Inneren Irans gut dokumentiert sind.

Demgegenüber zeigt die iranische Gesellschaft ein völlig anderes Bild. In den Protesten der vergangenen Jahre waren immer wieder Parolen zu hören, die sich ausdrücklich gegen die Verwendung nationaler Ressourcen für Gaza, den Libanon oder regionale Machtprojekte richteten, etwa der bekannte Slogan: „Nicht Gaza, nicht Libanon, mein Leben für Iran“. Diese Parolen verdeutlichen, dass große Teile der iranischen Gesellschaft die Palästina-Politik der Islamischen Republik nicht unterstützen. Darüber hinaus gibt es unter Iranern auffallend viele offene Solidaritätsbekundungen mit der israelischen Bevölkerung, nicht nur wegen der gemeinsamen Gegnerschaft zum Regime, sondern auch aufgrund der historischen Erinnerung an die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Iran und Israel vor 1979.

Diese historische Realität wird in politischen Analysen häufig ausgeblendet. Vor der Revolution waren die Beziehungen zwischen Iran und Israel von Kooperation, gegenseitigem Respekt und gemeinsamen Interessen geprägt. Diese kollektive Erinnerung lebt in Teilen der iranischen Gesellschaft weiter und spiegelt sich in Symbolen, Parolen und politischen Positionen der Opposition wider.

Vor diesem Hintergrund sind auch die Bemühungen von Kronprinz Reza Pahlavi zu verstehen, die künftigen Beziehungen Irans zur Welt, einschließlich zu Israel, neu zu definieren. In den vergangenen Jahren hat er durch politische Reisen und Treffen mit israelischen Amtsträgern die Bedeutung von Dialog, Frieden und der Wiederherstellung historischer Beziehungen betont. Diese Haltung hat jedoch dazu geführt, dass er zunehmend von linken Medien und antiisraelischen Strömungen marginalisiert wird und zugleich den Unmut jener Teile der Opposition auf sich zieht, die zwar Reformen, nicht aber eine grundlegende Abkehr von der ideologischen Basis der Islamischen Republik wollen.

Die zurückhaltende oder schweigende Reaktion westlicher Medien und Politiker auf diese Entwicklungen folgt einem bekannten Muster. Unterstützung für iranische Proteste hält meist nur so lange an, wie diese sich auf begrenzte Reformen beschränken, etwa kosmetische Änderungen beim Kopftuchzwang oder wirtschaftliche Versprechen, ohne die ideologischen Grundlagen des Systems infrage zu stellen. Sobald jedoch die Existenz der Islamischen Republik und ihre Ideologie offen angegriffen werden, setzt Schweigen ein.

Die Proteste im November 2019 sind dafür ein klares Beispiel. Trotz Berichten internationaler Organisationen, wonach innerhalb weniger Tage über 1.500 Menschen getötet wurden und während der Gewalt das Internet im gesamten Land abgeschaltet war, blieb die internationale politische und mediale Reaktion äußerst begrenzt. Dieses Schweigen war kein Zufall, denn diesmal wurde nicht nur eine Politik, sondern das gesamte System und seine Ideologie infrage gestellt.

Dieses Schweigen lässt sich aus zwei Perspektiven erklären. Erstens folgen viele westliche Entscheidungsträger einem Denkmuster, das den Fortbestand der Islamischen Republik als kostengünstigere Alternative zu einem möglichen Zusammenbruch betrachtet. Ein grundlegender Systemwechsel wird dabei automatisch mit Chaos, Machtvakuum und Radikalisierung gleichgesetzt. Diese Annahme beruht weniger auf empirischen Erkenntnissen aus der iranischen Gesellschaft als auf jahrzehntelangem Einfluss regimennaher Lobby-Netzwerke in europäischen politischen und wissenschaftlichen Institutionen.

Zweitens hat die starke Präsenz antiisraelischer und regimennaher Diskurse in westlichen Medien zu einer Form strukturellen Schweigens geführt. Die Proteste im Iran werden häufig nur als Reformbewegungen dargestellt, während das tatsächliche Leid der Bevölkerung sowie ihre Fähigkeit und ihr Wille zu einem grundlegenden Systemwechsel kaum wahrgenommen werden. Dieses Schweigen ist nicht zufällig, sondern das direkte Ergebnis der internationalen Reproduktion der antisemitischen Ideologie der Islamischen Republik.

Dieser Prozess hat zwei zentrale Folgen. Zum einen wird das Leiden der iranischen Bevölkerung ohne echte internationale Unterstützung fortgesetzt. Zum anderen wird antisemitische Ideologie global weiterverbreitet, insbesondere durch Medien und Gruppen, die sich als unabhängig darstellen, tatsächlich aber mit den Netzwerken des Regimes verflochten sind. Die Ideologie des iranischen Systems überschreitet so nationale Grenzen und wirkt als globalisierte Ideologie auf Politik und öffentliche Meinung ein.

Abschließend lässt sich festhalten: Wenn politischer Antisemitismus als eine ideologiegetriebene Form von Hass verstanden wird, dann sind seine Opfer nicht nur Juden. Die Menschen im Iran, die seit über vier Jahrzehnten unter dieser Ideologie leben, gehören zu seinen zentralen Opfern. Wie das Beispiel Iran zeigt, zerstört antisemitische Ideologie vor allem die Gesellschaft, in der sie institutionalisiert wird, von innen heraus.

Fußnoten

  1. In der islamisch geprägten Logik des Nahen Ostens existiert ein Machtkampf um hegemoniale Vorherrschaft zwischen verschiedenen islamistischen Strömungen. In diesem Konflikt wird nicht nur das Schicksal des palästinensischen Volkes instrumentalisiert und geopfert, sondern zugleich stellt er eine erhebliche Bedrohung für die Existenz Israels dar. Die iranische Gesellschaft hat sich jedoch historisch, bereits seit der Zeit der Pahlavi-Monarchie, bewusst aus diesem hegemonialen Machtkampf und der damit verbundenen antisemitischen Ideologie herausgehalten.
  2. Einer der Gründe für die massive Repression der Bevölkerung durch das Regime liegt in den Protesten gegen die regionale Außenpolitik der Islamischen Republik sowie gegen deren bewusst eskalierende und konfliktverschärfende Haltung gegenüber Israel.

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