Die Flagge mit Löwe und Sonne gehört zu den ältesten Identitätssymbolen Irans. Lange bevor sie mit einer bestimmten Monarchie oder politischen Ordnung verbunden wurde, stand sie für historische Kontinuität, territoriale Identität und die zivilisatorische Existenz Irans. Ihre Wurzeln reichen in die vormodernen astronomischen, mythologischen und kulturellen Traditionen Irans zurück, und ab dem Mittelalter entwickelte sie sich schrittweise zum Symbol Irans als eigenständige politische Einheit. In der safawidischen, kadscharischen und später der pahlawischen Zeit wurde der Löwe-und-Sonne-Banner nicht als Zeichen einer Ideologie, sondern als Repräsentation Irans verwendet – eines Irans, der vor jeder Regierung existierte und über jedes politische System hinaus definiert ist.
Die Bedeutung dieser Flagge liegt gerade darin, dass sie eine zivilisatorische Identität verkörpert und kein ideologisches Projekt. Ihre Abschaffung nach 1979 war daher nicht bloß der Austausch eines Symbols, sondern ein bewusster Versuch, die Verbindung Irans zu seiner Geschichte zu kappen und eine ideologische Identität an die Stelle einer historisch-zivilisatorischen zu setzen. Iran sollte nicht länger als historische Gesellschaft mit kultureller Kontinuität verstanden werden, sondern als Instrument einer politischen und ideologischen Mission.

Aus diesem Grund erklärt sich auch die Feindschaft ideologischer Strömungen gegenüber der Flagge mit Löwe und Sonne. Dieses Symbol bekräftigt die Vorstellung Irans als eigenständige historische Einheit – eine Vorstellung, die weder in das Konzept der religiösen „Umma“ passt noch mit weltanschaulich globalistischen oder anti-nationalen Narrativen vereinbar ist. Für den politischen Islam erinnert diese Flagge an eine Form von Herrschaft, deren Legitimität aus Geschichte, Kultur und nationalem Willen erwächst, nicht aus Religion. Für die ideologische Linke steht sie für die Kontinuität des Nationalstaats und für eine Identität, die sich nicht in transnationalen oder abstrakten Projekten auflöst, sondern auf Territorium, Souveränität und kollektives Gedächtnis verweist. Die Ablehnung dieser Flagge ist daher keine emotionale Reaktion, sondern eine strukturelle Antwort auf ein Symbol, das die Grundlogik beider Ideologien infrage stellt.
Die breite und spontane Rückkehr der Löwe-und-Sonne-Flagge in den Protesten innerhalb Irans ist gerade deshalb von besonderer Bedeutung. Sie ist weder das Ergebnis politischer Organisation noch Teil eines propagandistischen Projekts, sondern Ausdruck dessen, dass die Gesellschaft im Moment des ideologischen Zerfalls auf einen vor-ideologischen Bezugspunkt zurückgreift. Ein Symbol, das weder Erlösungsversprechen macht noch eine abstrakte Zukunft entwirft, sondern auf eine einfache Realität verweist: Iran als gemeinsamer historischer und zivilisatorischer Rahmen. Genau diese Rückbesinnung erklärt, warum diese Flagge für jene Kräfte, die Iran ausschließlich als Mittel zur Durchsetzung einer Ideologie begreifen, bedrohlich ist – und warum sie mit so scharfer Ablehnung, Abwertung oder Feindseligkeit auf sie reagieren.