Fortsetzung der Hinrichtungswelle, Ausweitung der sicherheitsbezogenen Verhaftungen und der verdächtige Tod des Anwalts der Klägerseite
In der 49. Woche des Jahres 2025 setzte sich das bekannte Muster sicherheits- und justizstaatlicher Repression im Iran unvermindert fort: In zahlreichen Gefängnissen des Landes wurden erneut Dutzende Hinrichtungsurteile vollstreckt; in mehreren Provinzen kam es zu umfangreichen Festnahmewellen; und der Druck auf politische Gefangene nahm durch Verlegung in Einzelhaft, Hungerstreiks und systematische Verweigerung medizinischer Versorgung weiter zu.
Auch die Kontrolle über Lebensstil, künstlerische Aktivitäten und den universitären Raum äußerte sich erneut in Form von konstruierten Strafverfahren, neuen Verurteilungen und der Schließung von Geschäften und Einrichtungen.
Mitten in dieser angespannten Lage sorgte der rätselhafte Tod von Khosrow Alikardi, einem bekannten Anwalt von Opferfamilien in Mashad,in seinem Büro für breite öffentliche Reaktionen zumal der Vorfall von eingeschränkten Zugängen und der Beschlagnahme von Überwachungstechnik begleitet wurde.
Die Gesamtheit dieser Ereignisse zeichnet ein klares Bild von der fortgesetzten, vielschichtigen Repression gegenüber Bürgerinnen und Bürgern, Aktivisten sowie Familien der Opfer staatlicher Gewalt im ganzen Land.
Staatliche Tötungen: Mysteriöser Tod eines Anwalts, wahllose Schussabgaben und eine tödliche Smogkrise
In dieser Woche ereignete sich eine Reihe alarmierender Vorfälle, die verschiedene Dimensionen der strukturellen Gewalt im Iran sichtbar machten.

Khosrow Alikordi
Khosrow Alikordi, Rechtsanwalt und einer der bekanntesten Verteidiger von Menschenrechtsfällen, wurde tot in seinem Büro in Maschhad aufgefunden. Obwohl der erste Bericht von einem „Herzstillstand“ sprach, werfen Hinweise wie Blutungen aus Mund und Nase, mögliche Kopfverletzungen und das rasche Entfernen von Überwachungskameras erhebliche Fragen über die tatsächliche Todesursache auf und nähren den Verdacht auf eine staatliche Tötung.
Gleichzeitig wurde an der Grenze bei Bostam ein junger Kolbar durch Schüsse von Sicherheitskräften verletzt. In einem weiteren Vorfall nahe dem Stadteingang von Kerman führte das wahllose Beschießen eines Autos mit vier Insassen zum Tod zweier Personen ohne dass die Behörden irgendeine Erklärung für das Vorgehen oder den Verbleib der übrigen Betroffenen abgegeben hätten.
In Teheran verhängte zudem ein Strafgericht gegen vier wegen Diebstahls angeklagte Personen die Strafe der Amputation von vier Fingern ein Urteil, das die wiederholte Anwendung solcher körperstrafen in jüngsten Fällen erneut unterstreicht.
Parallel dazu zeigte die Luftverschmutzung ihre tödliche Seite: Laut dem Leiter des Teheraner Notfalldienstes sind allein in den letzten acht Tagen mindestens 357 Menschen in der Hauptstadt verstorben eine Zahl, die auffällig mit der jüngsten Smogwelle zusammenfällt und die Annahme verstärkt, dass die Luftverschmutzung direkt zu einer erhöhten Sterblichkeit beiträgt. Gleichzeitig erschwert ein Mangel von mindestens 500 Rettungswagen die medizinische Versorgung erheblich.
Neue Verhaftungswelle im ganzen Land: Festnahmen ohne richterlichen Beschluss, langanhaltende Ungewissheit und schwere Urteile
In der vergangenen Woche erfasste eine neue Welle außergerichtlicher Verhaftungen dutzende Bürgerinnen und Bürger in verschiedenen Städten des Landes. Diese Festnahmen erfolgten überwiegend ohne Vorlage eines richterlichen Beschlusses, verbunden mit Verschleppung an unbekannte Orte, Kontaktverbot sowie Verweigerung von Zugang zu Anwälten.
In Mahabad wurden Heyman Eiver, Peshwa Armon und Saeed Fathinejad festgenommen. In Sanandadj wird der bekannte Sportler Chiako Rezaei nach 88 Tagen weiterhin im Informationsministerium festgehalten in völliger Ungewissheit. In Saqqez befindet sich Behzad Rasuli seit sechs Monaten ohne jede gerichtliche Bearbeitung in der Quarantäneabteilung des Gefängnisses und hat aus Protest gegen seine Lage einen Hungerstreik begonnen. In Urmia ist Farzad Galleban auch nach 20 Tagen ohne Nachricht über seinen Verbleib verschwunden. In Gorgan wurde Nirvana Torbatinejad unter dem Vorwurf „Propaganda gegen das System“ zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Donya Hosseini
In Teheran wurde Donya Hosseini zur Vollstreckung eines Gesamtstrafmaßes von 8,5 Jahren Haft geladen, und Sajjad Fathi wurde mit einer vierjährigen Haftstrafe wegen Filmaufnahmen von seinem beschädigten Wohnhaus ins Evin-Gefängnis gebracht. In Zahedan werden die beiden jungen Brüder Mehdi und Misagh Rahmatzadeh seit vierzehn Tagen festgehalten, ohne dass Informationen über ihren Zustand oder Aufenthaltsort vorliegen.
Die Verhaftungen betreffen eine breite geografische Spannweite:
In Divandarreh wurde Soleiman Goli, in Mariwan Azizeh Moradian ohne richterlichen Beschluss festgenommen. In Piranshahr wurden die Brüder Mohammad und Kamel Asloub am frühen Mittwochmorgen gewaltsam inhaftiert. In Mazandaran wurden acht Administratoren des Telegram-Kanals „Shekār-e Mozdoor“ festgenommen und der Kanal geschlossen. In Oshnavieh wurden Shwane Ebrahimi, Esmail Seyedmahmoudian, Hirsh Pornia und Shorsh Sarooti an unbekannte Orte verbracht.
In Bukan wurden neben der Festnahme von Hassan Shadikhah auch drei weitere Bürger Diyar Hajirasoulpour, Diyan Rasoulpour und Ahmad Zerang – nach Durchsuchung ihrer Wohnungen verhaftet. In Mehrestan wurde Fazl Hameli während seines Protests gegen das Verhalten von Sicherheitskräften festgenommen. In Teheran meldete die Revolutionsgarde die Festnahme zweier Personen wegen des Vorwurfs angeblicher Beteiligung an Brandanschlägen auf religiöse Einrichtungen ohne jegliche Belege vorzulegen.
In einem separaten Fall verhängte das Gericht in Dehdasht schwere Haftstrafen gegen Feyzollah Azarnoush (23 Jahre Haft) und vier weitere Bürger. Ein Teil des Urteils stützt sich auf erzwungene Geständnisse; im Falle einer Bestätigung in der Berufung würde bei Azarnoush die höchste Strafe vollstreckt werden.
Erneuter massiver Hinrichtungsanstieg im Iran: 81 Todesurteile in sieben Tagen
In der vergangenen Woche hat die iranische Justiz mindestens 81 Hinrichtungen in Gefängnissen im ganzen Land vollstreckt eine Zahl, die die seit Jahren etablierte und kontinuierliche Praxis der Todesstrafe im Iran erneut bestätigt.
Der größte Teil dieser Urteile betraf Drogenstrafverfahren, gefolgt von Fällen von vorsätzlichem Mord. Einige der Hinrichtungen wurden gruppenweise und sogar öffentlich durchgeführt. Unter den Hingerichteten befanden sich auch mehrere Frauen sowie afghanische Staatsangehörige.
Der Fall Dariush Atashafrouz der im Alter von 17 Jahren festgenommen wurde und sich laut Aktenlage in einer Selbstverteidigungssituation befand wurde erneut zur Vollstreckung der Qisas-Strafe bestätigt.
Dieses Ausmaß von Hinrichtungen innerhalb nur einer Woche zeichnet ein deutliches Bild von der Intensität und Kontinuität der staatlichen Hinrichtungspolitik im Iran.
Repression gegen Kulturschaffende, Akademikerinnen und Aktivistinnen
In der vergangenen Woche gerieten zahlreiche Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen und zivilgesellschaftliche Aktivist*innen ins Visier gerichtlicher Verfolgung und sicherheitsbehördlicher Maßnahmen.
Der Regisseur Jafar Panahi wurde in Abwesenheit zu einem Jahr Haft, zwei Jahren Ausreiseverbot sowie weiteren sozialen Einschränkungen wegen des Vorwurfs der „Propaganda gegen das System“ verurteilt.

Meysam Beigmohammadi
Der Gitarrist Meysam Beigmohammadi befindet sich acht Tage nach seiner nächtlichen Festnahme weiterhin ohne Angabe von Gründen und ohne formelle Anklage im Quarantänebereich des Gefängnisses von Sari.
Auch Ebrahim Asemani und Hossein Amani Nadarli wurden in Täbris bzw. Shabestar festgenommen, ohne dass Informationen über ihren Zustand oder die gegen sie erhobenen Vorwürfe veröffentlicht wurden.
Im akademischen Bereich wurde das Urteil von 21 Monaten Haft gegen Motahareh Gonaei in der Berufung bestätigt. Berichten zufolge wurden seit den Protesten von 2022 rund 100 Hochschullehrer*innen entlassen, und mindestens die Hälfte von ihnen durfte bislang nicht an ihre Universitäten zurückkehren.
In Maschhad wurde die Wohnung des Pflegeaktivisten Javad Tavakoli mit richterlicher Anordnung durchsucht und sein Mobiltelefon beschlagnahmt. Vier Gewerkschaftsaktive der Lehrkräfte in Chuzestan wurden ebenfalls für ihre Berufungsverfahren vorgeladen.
In Teheran verhinderten Sicherheitskräfte durch einen gewaltsamen Einsatz die Gedenkveranstaltung des Iranischen Schriftstellerverbands; mehrere Anwesende wurden bedroht und körperlich angegriffen.
Masoud Moghiseh, ehemaliger politischer Gefangener, wurde in Sabzevar erneut festgenommen. Zudem berichtete Shahram Sedidi, dass seine Schwester und sein Bruder in Sabzevar verhaftet worden seien.
In einem weiteren Vorfall stürmten Sicherheitskräfte etwa zwei Monate nach der Verleihung eines Preises von Ali Shadman an Hossein Mohammadi eine private Geburtstagsfeier für Shadman. Shadman selbst sowie über 20 Gäste darunter Setareh Pesyani und Parsa Pirouzfar wurden festgenommen. Gegen Shadman und mehrere weitere Personen wurden Ermittlungsverfahren unter Vorwürfen wie „Verletzung der öffentlichen Sittlichkeit“ und „Alkoholkonsum“ bei der Kulturstaatsanwaltschaft eingeleitet.
Zunehmender Druck auf politische Gefangene: Hungerstreiks, neue Urteile und besorgniserregende Verlegungen
In der vergangenen Woche hat sich die Situation politischer Gefangener in Iran erneut deutlich verschärft. Parisa Kamali Ardekani befindet sich im Gefängnis von Yazd inzwischen am siebten Tag ihres Hungerstreiks.
Der Rechtsanwalt Mohammad Najafi wurde in einem neuen Verfahren zu drei weiteren Jahren Haft sowie zu zusätzlichen sozialen Einschränkungen verurteilt. Gegen Reza Mohammadhosseini im Gefängnis Qezel Hesar wurde ein neues Verfahren unter dem Vorwurf angeblicher „Propaganda gegen das System“ eingeleitet.
Im Gefängnis Evin wird Mohammad Moeidi Shakib trotz schwerwiegender gesundheitlicher Probleme weiterhin eine medizinische Behandlung verweigert.
In Yasuj wird Kourosh Jalil ohne Trennung von gewalttätigen Straftätern festgehalten, was seine Sicherheit erheblich gefährdet.

Taher Naqavi
Der Zustand des Rechtsanwalts Taher Naqavi, der sich seit 39 Tagen im Hungerstreik befindet, hat sich dramatisch verschlechtert; er wurde in einem kritischen Zustand notfallmäßig in ein Krankenhaus verlegt.
Zudem wurde der zum Tode verurteilte politische Gefangene Seyed Mohammadjavad Vafaee Thani plötzlich in Einzelhaft verlegt – eine Maßnahme, die Befürchtungen über eine möglicherweise unmittelbar bevorstehende Vollstreckung seines Urteils verstärkt.
Verschärfter Druck auf die Bahai-Gemeinschaft
Im Rahmen der anhaltenden sicherheitspolitischen Repressionen gegen Angehörige der Bahai-Gemeinschaft wurden drei Personen in Gorgan und Gonbad-e Qabus festgenommen bzw. weiterhin in Ungewissheit festgehalten.
Azadeh Yaghini befindet sich seit 18 Tagen ohne jede Information über ihren Aufenthaltsort oder die gegen sie erhobenen Vorwürfe in Haft; ihre Wohnung wurde bei der Festnahme durchsucht.

Azadeh Yaghini
Kambiz Teymuri-Moghaddam wurde ebenfalls nach einer Razzia in seinem Wohnhaus und an seinem Arbeitsplatz festgenommen, wobei seine persönlichen Gegenstände beschlagnahmt wurden. Sein gesundheitlicher Zustand bereitet der Familie zunehmende Sorge.
Auch Shahram Tahzib wurde nach einer Hausdurchsuchung durch Geheimdienstbeamte und der Beschlagnahme religiöser Schriften festgenommen und an einen unbekannten Ort gebracht. Über seinen Zustand und die Art der Vorwürfe liegen bislang keinerlei Informationen vor.
Ausweitung staatlicher Eingriffe in das Privatleben
Im Rahmen der verschärften staatlichen Kontrolle über den Lebensstil der Bürger*innen wurden in den vergangenen Tagen in Bukan zwei Personen aufgrund der angeblichen Verwaltung eines „unmoralischen“ Kanals festgenommen. Zwei Verantwortliche des Marathons auf der Insel Kisch werden strafrechtlich verfolgt, weil Frauen ohne vorgeschriebene Verschleierung daran teilgenommen hatten, und ein Schönheitssalon in Tonekabon wurde aufgrund eines veröffentlichten Werbevideos versiegelt.
Gleichzeitig warnte der Vorsitzende der Justiz erneut vor einem „entschlossenen Vorgehen“ gegen „Förderer der Unverschleierung“ sowie gegen Gewerbebetriebe, die angeblich „dem religiösen Recht widersprechen“.
In diesem Kontext wurde auch der Instagram-Account der Sängerin Meshkat nach der Veröffentlichung eines künstlerischen Musikstücks über die Provinz Mazandaran gesperrt ein Vorgang, der klar im Rahmen des zunehmenden Drucks auf weibliche Künstlerinnen und der Einschränkung ihrer Präsenz im öffentlichen Raum zu verstehen ist.
Drei Frauen innerhalb einer Woche Opfer häuslicher und familiärer Gewalt
In der vergangenen Woche wurden in den Provinzen Alborz, Teheran und West-Aserbaidschan drei Fälle von Femizid registriert.
In Tschaharbagh erwürgte ein Mann seine 24-jährige Stieftochter und ließ ihre Leiche in der Wüste zurück.
Im Westen Teherans wurde eine 45-jährige Frau mit 86 Messerstichen von ihrem Sohn getötet; der Täter gab als Motiv den „Verdacht auf eine Online-Beziehung der Mutter“ an.

Leila Azari
In Bukan wurde die 39-jährige Leila Azari von ihrem Ex-Ehemann ermordet. Alle drei Tatverdächtigen wurden festgenommen und die Verfahren befinden sich im gerichtlichen Prüfprozess.
Die 49. Woche des Jahres 2025 zeigte ein unverhülltes Bild der eskalierenden Repressionsmaschinerie in Iran: vom staatlichen Mord an einem Menschenrechtsanwalt im Zentrum Maschhads bis zum Regen aus Hinrichtungen in Dutzenden Gefängnissen; von Razzien in Wohnungen und alltäglichen Festnahmen bis zu Angriffen auf Künstler, Akademiker, Protestierende und religiöse Minderheiten.
Die Ermordung von Frauen, der Beschuss von Bürgern durch bewaffnete Kräfte und die Einmischung des Staates in die kleinsten Aspekte des Alltags machten diese Woche zu einer der dunkelsten Phasen der letzten Monate.
Was am Ende dieses Berichts bleibt, ist nicht nur eine Zusammenfassung sondern eine Warnung:
Die Repression in Iran ist kein zeitweiliges Ereignis, sondern ein strukturelles System, das sich täglich ausweitet und vor keiner gesellschaftlichen Gruppe Halt macht.